Erklärung

jeudi 1er septembre 2011
par  LieuxCommuns

Wir erleben in unserem Alltag, auf der Strasse, bei der Arbeit einen fortschreitenden Zusammenbruch all dessen, was unserem Leben Sinn gibt. Angesichts dieses Anstiegs der Bedeutungslosigkeit können wir wie viele andere nur leben, weil wir hoffen, dass es möglich ist, den Lauf der Dinge zu verändern.

Dieser verheerende Lauf wird von einer regierenden Minderheit angetrieben, deren Obsession die Akkumulation, die Herrschaft und die Macht ist. Die « repräsentativen Demokratien » und die gegenwärtigen Revolten führen in die Sackgasse. Nur eine Bevölkerung, die aufwacht und sich für eine lebenswerte, menschenwürdige Welt engagiert, kann ihre eigentlichen Probleme ins Auge fassen. Heute die Freiheit wollen heisst, einen von der gesamten Bevölkerung getragenen klaren Bruch wollen : eine Selbstveränderung der Gesellschaft.

Wir wollen eine echte Demokratie, ausgeübt durch die Völker, in der die Leute selber und für sich selbst über Richtung und Verfahrensweisen ihrer Gesellschaft entscheiden. Daraus folgt, dass die Individuen fähig sein müssen, die Regeln, die in der Gemeinschaft und für sie selber gelten, zu respektieren, zu hinterfragen, zu kritisieren und zu schaffen. Es handelt sich nicht darum, ein Paradies zu erträumen, sondern darum, eine würdige, freie und verantwortungsvolle Zivilisation zu erschaffen. Wir wollen folglich eine Gesellschaft, die sich ausdrücklich und hellsichtig ihre eigenen Grenzen setzt und somit klar mit der herrschendenden Ideologie bricht. Zunächst geht es darum, sich kritisch Fähigkeiten wiederanzueignen, die in sogenann­ten « unterentwickelten » Gegenden noch anzutreffen sind und die den Kern einer würdevollen Gesellschaft bilden : Solidarität, Fähigkeit zu Teilen, gegenseitige Hilfe, Geselligkeit, Gastfreundschaft, Redlichkeit.

Einige Massnahmen sind nötig, um im technisch-wissenschaftlichen Bereich Vorsicht walten zu lassen, beim Konsum Genügsamkeit und in den öffentlichen Angelegenheiten Weisheit. Um den Machthunger zu hemmen müssen alle Institutionen auf der Grundlage souveräner Versammlungen organisiert sein, mit jederzeit abberufbaren Abgeordneten und Ämterrotation. Um sich vom unbegrenzten Profitstreben zu befreien, ist die gemeinschaftliche Einführung völliger Gleichheit des Einkommens zusammen mit einer kollektiven Neubestimmung der Bedürfnisse nötig. All dies ist weder natürlich, noch unvermeidlich, noch völlig unmöglich ; solche radikalen Änderungen hat es in der Geschichte schon gegeben.

Wir schreiben das Projekt der Autonomie fort : die jahrhundertelangen Kämpfe von Kollektiven, die sich geweigert haben, eine Ordnung zu akzeptieren, die durch unerreichbare äussere Mächte gesetzt wird, durch Traditionen, Götter, Natur, Wissenschaft, Markt oder Partei. Das Autonomieprojekt entstand im antiken Griechenland und wurde im Westen wiedererfunden. Es verkörperte sich in der Renaissance, der Aufklärung, der französischen Revolution, der Arbeiterbewegung, den Konflikten um Entkolonialisierung und den Kämpfen von Frauen, Jugendlichen, Minderheiten und Umweltaktivisten. Dieses Projekt der Gleichheit und Gerechtigkeit liegt gegenwärtig im Sterben, mit Füssen getreten von der anderen geschichtlichen Schöpfung des Westens, dem Wahn der auf alle Lebensbereiche ausgeweiteten instrumentellen Vernunft.

Ziel unseres Kollektivs ist es, das Autonomieprojekt (wieder) zum eigentlichen Zivilisationsprojekt zu machen. Wir brauchen dazu dringend eine kollektive Intelligenz, die fähig ist zu theoretischer Reflexion, öffentlicher Rede und praktischer Einflussnahme. Die dazu nötigen Kräfte sind immer noch verstreut und sich ihrer selbst nicht bewusst. Unsere Suche nach individueller und kollektiver Autonomie hat nur Sinn als konkrete Praxis, die, im Alltagsleben verankert, immer wieder neu beginnt und tastend voranschreitet.

Lieux Communs


Commentaires